Südtirol: Zwischen Europa und Disagio

Immer wieder bin ich auch auf Seminaren. Im folgenden lest ihr einen Seminarbericht eines Seminars, das ich mit der Konrad-Adenauer-Stiftung in Südtirol verbringen durfte.

–  Seminarbericht Kompaktseminar in Südtirol „Miteinander in Europa: Politische Autonomie und Minderheiten in Südtirol“ – 16. September bis 22. September 2017-

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Südtirol oder auch auf Italienisch Alto Adige: Die erste Assoziation, die die meisten bei dieser Region haben, ist wahrscheinlich eher kulinarischer Natur. Da sind die knackigen Äpfel, die in die ganze Welt exportiert werden, der Südtiroler Speck und um beim Törggelen zubleiben, die Weinvielfalt der Region im Norden Italiens. Da sind Persönlichkeiten, wie Reinhold Messner, Markus Lanz oder die Kastelruther Spatzen. Aber auch das große politische Thema Autonomie schwingt bei dem Gedanken an Südtirol ebenso immer mit. Kaum eine andere italienische Region fühlt sich zudem so sehr dem europäischen Gedanken verpflichtet wie Südtirol. Auch wenn die Region mit ihren 116 Gemeinden in vielen Bereichen eher ländlich, ruhig und friedlich wirkt, offenbart Südtirol eine ganze Reihe an Themen auf die jeder Südtirol-Besucher einmal näher schauen sollte.

Autonomie und Mehrsprachigkeit – Geschichte und Jetzt:

Die wichtigsten Facts zu Südtirol finden sich in der Karte – Einfach Punkte anklicken:

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Das Südtirol vielfältige Themen zu bieten hat, das konnten 29 Stipendiatinnen und Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung während des Kompaktseminar „Miteinander in Europa: Politische Autonomie und Minderheiten in Südtirol“ erfahren. Unter der Leitung von Dr. Frank Müller standen während der Seminarwoche auf mehr als 2000 Metern nicht nur eine unbekannte Sprache auf dem Programm, sondern auch die Möglichkeit mit dem Bozener Quarzporphor auf Tuchfühlung zu gehen. An dieser Stelle sei charmant schon mal an den einzigartigen Vertrauensdozent Dr. Hans-Joachim Fuchs verwiesen, der auch das trockenste Gestein den Seminarteilnehmern näher brachte. So haben Dr. Hans-Joachim Fuchs, Dr. Rainer Täubrich, Michael Gentsch, Prof. Dr. Christina Sichtmann und nicht zuletzt Dr. Müller, durch das von ihm gestaltete Programm, den Stipendiaten Südtirol in seiner Fülle näher gebracht.

Mit diesem Seminarbericht lassen wir Euch gerne daran teilhaben, was uns Stipendiaten in einer Woche Südtirol begegnet ist und was wir als Teilnehmer des Seminars gelernt haben.

Südtirol als Teil Europas – in Italien

Vorzeige-Autonomie in Europa, Europa der Regionen und Südtiroler Volkspartei – das sind wohl die wichtigsten Schlagworte, wenn über die Politik in Südtirol gesprochen wird. Einen Einblick in die Politik der Region gaben uns Seminarteilnehmern gleich zwei führende Politiker Südtirols. Zuerst sprach Professor Dr. Francesco Palermo, Senator in Rom für die Region Südtirol, mit uns über die Beziehungen zwischen Regions- und Hauptstadtpolitik. Besondere Themen waren dabei der Minderheitenschutz und die Zukunft der repräsentativen Demokratie mit Bezug auf die Südtiroler Autonomie. Denn auch wenn Südtirol für die meisten Urlauber ein Stück deutsches Italien ist, ist bis heute ein Konflikt zwischen den verschiedensprachigen Gruppen im Land allgegenwärtig. Oftmals leben die italienisch- und die deutschsprachigen Südtiroler nicht miteinander, sondern vielmehr nebeneinander her. Und dies bereits von klein auf: Südtirol ist zwar eine zweisprachige beziehungsweise dreisprachige Region, doch mehrsprachige Schulen gehören nicht zur Tagesordnung. Die jeweils andere Sprache wird vielmehr als eine Fremdsprache unterrichtet. Francesco Palermo sieht vor allem in diesem Schulsystem „nicht überwindbare Grenzen zwischen den Sprachgruppen“ – Ziel müsse daher sein, das Zusammenleben und vor allem die Kommunikation zwischen den Sprachgruppen zu fördern.

DSC_0013 - KopieSenator Prof. Dr. Francesco Palermo

In den Diskussionen über die Autonomie wird immer mal wieder auch ein Blick auf die Idee der Vollautonomie geworfen. Wirklich wünschenswert ist die aber eigentlich nicht: Vollautonomie, bedeutet in vielen Konzepten, ein Ausbau nach außen. Dabei ist der Ausbau nach innen ebenso wichtig. Senator Palermo hat Skepsis gegenüber denjenigen gezeigt, die den Begriff der Vollautonomie (eher) nach außen wenden wollen. Allerdings umfasst er nach innen auch noch weitere Dimensionen, die Palermo durchaus unterstützt. So die Übernahme weiterer Kompetenzen in die primäre Zuständigkeit des Landes, insbesondere aber auch der Ausbau der Finanzautonomie.. Schulen, Sprache und das Zusammenleben der verschiedenen Gruppen muss hier das Thema. Gerade die schrittweise Entwicklung der Autonomie hat die Region in wenigen Jahren zu einer der reichsten Regionen Europas gemacht. Die wirtschaftliche Lage ist Dreh- und Angelpunkt der Autonomie.

Als zweiter politischer Gesprächspartner stand Arno Kompatscher, Landeshauptmann der Region Südtirol, Rede und Antwort. Als einer der Verfechter des Konzepts „Europa der Regionen“ stellte der SVP-Politiker Südtirols Rolle in Europa vor. Er sieht die europäische Frage als eine Perspektive für die Zukunft der Region. Wenn sich die Südtiroler an Europa orientieren, wäre auch der Konflikt mit Italien, den es durchaus in der Region gibt, obsolet. Eine besonders angeregte Diskussion gab es bei diesem Programmpunkt deshalb auch zum Thema Beziehung zwischen Italien und Südtirol. Diplomatisch beantwortete Kompatscher auch unsere kritischen Fragen, immer auch mit einem gewissen Stolz, den besonders die deutschsprachigen Südtiroler an den Tag legen. Aber auch der Konflikt zwischen den Sprachgruppen wurde beim Gespräch im Palais Widmann in Herzen Bozens angesprochen. Ersichtlich wurde dabei, dass Mehrsprachigkeit vor allem bei den Eliten beziehungsweise dem Bildungsbürgertum funktioniert. Dabei gehe es in erster Linie um die Einstellung zum Gesamtsystem, bekräftigt hier der Landeshauptmann. Seine ideale Vorstellung liegt darin, dass nicht die Sprache die Persönlichkeit ausmacht, sondern die Identifikation mit der Region. In erster Linie sollte jeder Südtiroler sein.

 DSC_0065 - KopieDie Gruppe im Gespräch mit dem Landeshauptmann Arno Kompatscher (rechts).

Mit rund 62 Prozent überwiegen aber die deutschsprachigen Südtiroler und dies führt zu Unbehagen. Dieses Gefühl der Italiener in Südtirol ist mit der italienischen Bezeichnung für Unbehagen, „Disagio“, in der Region schon zu einer Art geflügeltem Wort geworden. Es bezeichnet eine Art Bedeutungslosigkeit der italienischen Sprachgruppe in Südtirol. Wurde die Italianisierung der Region besonders stark im faschistischen Regime unter Mussolini vorangetrieben, sind die zweisprachigen Städte- und Flurnamen heute einige der wenigen Überbleibsel von der einstigen Stärke des Italienischen. Überbleibsel von Ettore Tolomei, einem Verfechter der Brennergrenze und Namensgeber der italienischen Bezeichnungen von Ortschaften in Südtirol. Um diesen Disagio von heute zu erfassen und die Entwicklung des Konfliktes zu verstehen, stand daher auch ein Besuch der Dokumentationsausstellung „BZ 18-45 – ein Denkmal, eine Stadt, zwei Diktaturen“ im Siegesdenkmal in Bozen auf dem Seminarplan. Gerade das Siegesdenkmal, das sich durch eine typische italienische beziehungsweise vielmehr noch faschistische Architektur auszeichnet, markiert in Bozen eine tiefgreifende städtebauliche Umgestaltung und damit auch eine Italienisierung der Stadt. Da diese Umgestaltung auch heute durchaus noch als eine Art Überfall auf die Tiroler Kultur verstanden wird, erklärt sich, warum sich viele Südtiroler eher zu Österreich als zu  Italien hingezogen fühlen.

In der Diskussion um Deutsch und Italienisch wird oftmals die dritte Sprachgruppe in Südtirol vergessen: die Ladinische Sprachgruppe, mit der die Gruppe auch auf Tuchfüllung gegangen ist. In Wolkenstein wurden wir von Dr. Leander Moroder, dem Direktor des ladinischen Kulturinstituts „Micura‘ de Rü“; empfangen. Das Institut gibt es seit 1976 und kümmert sich um den Schutz der Sprache. Neben Wörterbüchern pflegt das Institut die Sprache auch durch Internetangebote wie Übersetzungsportalen oder Musikangeboten. Wie die Sprache klingt? Das verrät das Video zum Seminar oder die Seite des Instituts. Was bei den italienischen und deutschen Sprachgruppen noch nicht so funktioniert, klappt bei den Ladinern ganz gut: Das Schulsystem in den ladinischen Sprachgebieten ist paritätisch. Unterrichtet wird auf Ladinisch, Deutsch und Italienisch. Hinzu kommen noch Fremdsprachen wie Englisch – gelebte Mehrsprachigkeit.

dsc_0493.jpgDr. Leander Moroder – Direktor des ladinischen Kulturinstituts

 

Mein Land Tirol – Musikalische Tuchfüllung mit Andreas Hofer

Wer auf ein KAS-Seminar fährt, der sollte auf jeden Fall seine Stimmbänder ölen, vor allem dann, wenn als Referent Dr. Rainer Täubrich auf dem Seminarplan steht. Auch dazu gibt es im Video einen kleinen Einblick.

Wer sich den geschichtlichen Konflikt Tirols angeschaut, der stößt recht schnell auf den Namen Andreas Hofer. Der Freiheitskämpfer ist in Tirol bis heute ein Nationalheld. Er nahm 1809 am Widerstand gegen die Franzosen und Bayern teil. Damals stand Tirol unter bayrischer Herrschaft, nachdem Österreich im dritten Koalitionskrieg eine Niederlage gegen das napoleonische Frankreich hinnehmen musste, das mit Bayern verbündet war. Im Widerstand gegen die bayrischen Truppen wurde Hofer im heutigen Südtirol festgenommen und nach Mantua gebracht und dort zur Hinrichtung verurteilt. Die Geschichte rund um den Freiheitskampf von Andreas Hofer erzählte Dr. Rainer Täubrich während des Ausfluges nach Meran eindrucksreich. Nicht ohne auch musikalisch den Freiheitskämpfer und seinen Kampf gegen die Fremdherrschaft vorzustellen. Nach einem Fußmarsch zum Schloss Tirol und der Besichtigung eben dieses, nahm es sich Dr. Rainer Täubrich deshalb auch nicht die Notenblätter auszuteilen. Mit der Aussicht auf Meran, wurde dann im Schatten des Schloss Tirols das Andreas Hofer Lied angestimmt.

Südtirols Landschaft ist neben den Bergen auch von den Burgen und Schlössern geprägt. So blieb das Schloss Tirol nicht das einzige Gemäuer, das wir während des Seminars besuchten.

Auch auf Schloss Sigmundskron bei Bozen erwartete uns ein bekannter Name. Das Schloss gehört nämlich einem der bekanntesten Südtiroler der heutigen Zeit: Reinhold Messner. Als eins von sechs Museum gehört Schloss Sigmundskron zu den Messner Mountain Museen. Im Mittelpunkt der Ausstellung in Sigmundskron steht das Thema „Mensch-Berg“. Neben der Besichtigung der Dauerausstellung hatten wir als Stipendiaten auch die Möglichkeit, die „Hausherrin“ kennenzulernen. Die Tochter der Bergsteigerlegende, Magdalena Maria Messner, ist Direktorin der Messner Mountain Museen und sprach mit uns über ihre Aufgaben im Museum, ihren berühmten Vater und über Heimat. Und auch beim Gespräch mit Magdalena Maria Messner wurde deutlich, dass sich die deutschsprachigen Südtiroler in erster Linie als Südtiroler, dann als Europäer und erst an dritter Stelle als Italiener fühlen. Für Messner ist deshalb Heimat auch ein schwieriger Begriff: Heimat hat, aufgrund der Südtiroler Geschichte, auch immer einen negativen Beigeschmack. Sie spricht lieber von Zuhause und dieses Zuhause liegt für sie in Südtirol und auf den Bergen. Dort schätzt sie am meisten den Weitblick.

DSC_0147 - KopieMagdalena Maria Messner – Direktorin Messner Mountain Museum

Südtirol – Marke mit Charme

Gerade bei Deutschen ist Südtirol ein beliebtes Urlaubsziel. Italienisches Flair mischt sich hier mit österreichischer Tugend. Südtirol ist längst zur Marke geworden, die auch vermarket werden will. Zusammen mit Vertrauensdozentin Prof. Dr. Christina Sichtmann, Professorin für Internationales Marketing an der Uni Wien, hat die Gruppe deshalb eigene Konzepte entwickelt, wie die Marke Südtirol auf dem Reisemarkt noch besser positioniert werden könnte.

Wir Stipendiaten wurden also zur Marketingabteilung und haben, mit Schere, Kleber und einem Packen Zeitungen ausgestattet, Marketingplakate zu unterschiedlichen Themen wie Wandern, Radfahren oder Wellness entwickelt. Für die Präsentation der Ergebnisse wurden dann Kreativität, Teamwork und auch schauspielerisches Talent benötigt. Manche Performance war da auch schon fast Oscar-verdächtig. Da auf einem Seminar aber auch der Spaß nicht zu kurz kommen sollte, waren die Abende neben der Weinvielfalt auch den traditionellen Tänzen der Region gewidmet. Mit der Unterstützung der Oberbozener Trachtengruppe wurde das, was die meisten Seminarteilnehmer einmal in der Tanzschule gelernt haben, nochmal auf ein ganz neues Niveau gebracht. Und wurde beim Erstellen der Marketingplakaten noch bildhaft von den Traditionen der Region gesprochen, so wurden diese bei den Tanzabenden gleich mal gelebt.

Bozener Quarzporphyr –  Mit Hammer und Meißel in die Natur

Was haben ein Meißel, ein Verbandskasten und ein Rolle Toilettenpapier gemeinsam? Auf den ersten Blick natürlich nichts – auf den zweiten Blick sei erklärt, dass man alle drei Dinge braucht oder gebrauchen könnte, wenn man sich in Südtirol auf Wanderschaft begibt. Wer den Bozener Quarzporphyr von seiner schönsten Seite kennenlernen möchte, der sollte auf eine solche Wanderschaft Prof. Dr. Hans-Joachim Fuchs mitnehmen. Großes Glück also, dass Herr Dr. Müller den Mainzer Professor des Geographischen Instituts für uns gewinnen konnte. Neben den Rittner Erdpyramiden, die Herr Dr. Fuchs, wie er uns beteuerte, auch vorgetanzt hätte, stellte er uns während der landeskundlichen Wanderschaft zwischen Südtirol und dem Trentino Besonderheiten der Dolomiten vor. Geschiebe, Grundmöranen und Trogschultern waren dabei nur einige der geografischen Seiten Südtirols, die Dr. Fuchs uns näher brachte.

Zum Abschluss des Seminares auf der Saltner Schwaige in Saltria wurde es dann doch noch einmal kulinarisch. Denn Südtirol bietet zwar viel mehr als nur gutes Essen, aber dennoch sollte es bei einem Besuch auf gar keinen Fall fehlen.

Wie das Seminar aussah, was uns unsre Gesprächspartner über Südtirol erzählt haben und  wie das Seminar für uns Seminarteilnehmer war, seht ihr im Video: